Vom Sein und Schein (11/21)

Vom Sein und Schein

11. November 2021

Unter dem Motto „Sein und Schein“ stand der „Tag des offenen Denkmals“ in 2021. Die Handwerkskunst der Illusion wurde in den Mittelpunkt gestellt: Blendfassaden, Quaderputz und Rustifizierung gehörten zur Fassadengestaltung der letzten Jahrhunderte. Deren Rekonstruktion und Erhalt (Schein) contra unsichtbarer Denkmalpflege weniger auffälliger Denkmäler (Sein), die dadurch nachhaltig erhalten werden? Spannende Diskussionen unter Fachleuten.

Mehr Schein als sein? 

Mehr als Komparativ – wertend !

Die Fassade stimmt, aber dahinter ist vielleicht nur heiße Luft?
Hochstapelei, Wichtigtuerei, Angeberei und pathologisch narzisstische Anteile könnten sich dahinter verstecken…

Wie wolltest du dich unterwinden,
Kurzweg die Menschen zu ergründen.
Du kennst sie nur von außenwärts.
Du siehst die Weste, nicht das Herz.

Wilhelm Busch beschreibt in der zweiten Strophe seines Gedichts „Schein und Sein“ die Außenwirkung ohne Wertung. Und das hat mich dazu bewogen, die beiden Worte umzustellen, wie es die Deutsche Stiftung Denkmalschutz vorgemacht hat:

Vom Sein und Schein.

Vielleicht hat mich dazu auch der Monat November inspiriert mit seinem Martinstag.

Der heilige Martin, der seinen Mantel dem frierenden Bettler gab, den man in Tours zum Bischof machen wollte, was er ablehnte, weil er sich selbst als dessen nicht würdig erachtetet.
Was also, wenn das Herz groß ist, aber die Weste zerlöchert, um zu Wilhelm Buschs Metapher zurück zu kehren?

Bei beidem geht es um Außenwahrnehmung:
Wie nehme ich mein Gegenüber wahr?
Wie nimmt mein Gegenüber mich wahr?

ABER: wie nehme ich mich selbst wahr?
Wie glaube ich, dass meine Umwelt mich sieht?
Stimmt mein Sein mit meiner Außenwirkung überein?
Wie empfinde ich selbst das Verhältnis?
Wundere ich mich über Komplimente und positives Feedback, weil ich denke: „Mein Herz ist rein, ich bin so klein!“ ?
Oder weiß ich um meinen Wert für die Gesellschaft? Fühle ich mich – zurecht – wertgeschätzt?

Wenn ich selber meinen Wesenskern und meinen „Ruf“ als kongruent wahrnehme, ist das gut für´s Selbstbewusstsein.

Und je stimmiger Sein und Schein sind, desto authentischer bin ich und wirke ich.